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Reiseberichte

Kanalinseln: Klischees und Kurioses
9. Juni 2001
Frühlingshaft mildes Klima, britisch gepflegte Golfplätze und Hotels, französische Küche: Die Kanalinseln - eine bunte Mischung.

Jersey, die größte der fünf Eilande im Golf von St. Malo, wirkt im Landeanflug seltsam: Viele Parzellen funkeln ganz unwirklich im Sonnenlicht. Je näher der Boden rückt, der eine Steueroase ist, desto klarer wird: Nicht jeder der glitzernden Flecken ist ein Swimmingpool. Unter Plastikfolien werden Kartoffeln zu früher Reife gebracht. 'Heurige' kommen hier im Frühjahr nicht aus Zypern oder Ägypten.
Dennoch ist die Dichte an privaten Schwimmbädern so erstaunlich, dass man dies als ersten Beleg für das Klischee vom Steuerparadies nehmen mag. Keine Mehrwertsteuer, minimale Einkommensteuern - das klingt verlockend. Rasch wird klar: die boomende 'Finanzindustrie' - so reden die Einheimischen von Banken, Versicherungen und Offshore-Gesellschaften - ist der wichtigste Wirtschaftszweig, hat aber das Preisniveau generell gehoben. Ein Blick in die Auslagen von Immobilienmaklern in den Hauptstädten St. Helier (Jersey) oder St. Peter Port (Guernsey) zeigt: Umgerechnet 5 Millionen S für eine Garconniere oder die Hälfte mehr für Wohnungen oder Häuschen, von wo man höchstens den Pool des Nachbarn sehen könnte, sind üblich. Apropos Geld: Man zahlt mit britischen Pfund, und bekommt Wechselgeld in der jeweiligen Inselwährung.

Jede Insel hat sogar eigene Briefmarken

Wer eine Postkarte mit einer Marke aus Jersey in Guernsey (oder umgekehrt) aufgeben will, scheitert. Schließlich sind die Inselstaaten unabhängige Gebilde, die auch nicht zur EU gehören. Die fünf Inseln der beiden 'Bailiwicks' - zu Guernsey gehören die kleinen Eilande Alderney, Herm und Sark - zählen zusammen nur knapp 150.000 Einwohner.

Die Kanalinseln sind der letzte Rest des Herzogtums Normandie, als dessen Führer William der Eroberer 1066 das angelsächsische England unterwarf. Loyal zum britischen Königshaus - die Queen ist auch Herzogin der Normandie - und normannischen Traditionen verhaftet, so werden die Bewohner der Kanalinseln gern beschrieben. Very british wirken die Häuschen mit gepflegten Vorgärten, die Golfanlagen, Hotels und Pubs. Frühmorgens sind Leute zu sehen, die Anzug und Krawatte tragen, wenn sie ihre Hunde Gassi führen. Um 7 Uhr stehen die ersten Golfer am Abschlag - auch bei Regen. Sonntags bleibt bis Mittag der Zapfhahn in Pubs trocken - in einem Lokal auf Guernsey war allerdings Bier-Eis im Angebot. Im Duty Free Shop darf sonntags kein Alkohol verkauft werden.

Französisch geblieben sind viele Straßen- und Flurnamen sowie die Küche. Letztere lässt britisches Frühstück zu, lädt aber abseits von Sandwich oder Fish & Chips zu kulinarischen Weltreisen mit Schwerpunkt Seafood. Victor Hugo, 1855 bis 1870 auf den Kanalinseln im Exil, hat die Eilande unnachahmlich beschrieben: 'Ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde.'

Die Kanalinseln sind auch ein Beispiel dafür, wie schnell eine Umgangssprache verschwinden kann: Während des Zweiten Weltkriegs blieben die Kanalinseln zwar von Kriegshandlungen verschont, doch die Wehrmacht hielt die Inseln besetzt. Die Reste von Hitlers 'Atlantikfestung' sowie der unterirdisch angelegten Spitäler sind heute zu besichtigen. Etwa 25.000 Bewohner flüchteten vor den Deutschen nach England. Eine Generation wuchs ohne Französisch heran. Heute ist Französisch auf den Channel Islands eine Fremdsprache.

Natürlich prangen auch nicht an jeder zweiten Tür gleich zumindest zehn Schilder von Briefkastenfirmen. Andererseits ist die Dichte an Ferraris, Porsches etc. wohl nur in Monaco ähnlich hoch. Neid oder Bewunderung wandeln sich bald zu Kopfschütteln: Wozu solche Sportwagen, auf winzigen Inseln mit engen Straßen und einer wenige Kilometer langen 'Autobahn' auf Jersey, die anderswo als vierspurige Hafenpromenade bezeichnet würde?

Umso herrlicher lassen sich die Inseln, die an irische ebenso wie an südfranzösische Gefilde erinnern, per Fahrrad, Bus oder Pferd erkunden. Auf den 'Green Lanes' auf Jersey, das sind schmale Routen mit 15 Meilen pro Stunde (25 km/h) Höchsttempo, haben Radfahrer, Reiter und Fußgänger sogar Vorrang. Das Netz umfasst mehr als 60 Kilometer. Sehr reizvoll sind Küstenwanderungen. Im Frühjahr bezaubert der Kontrast zwischen wogender, blaugrüner See und dem gelben Meer aus blühendem Ginster an Land. Der Corbier Walk auf Jersey folgt einer vor 100 Jahren stillgelegten Eisenbahnlinie. An der Südwestecke Guernseys führt ein markierter Weg von St. Peter Port die Steilküste entlang, unter anderem durch ein Villenviertel.

Nicht nur für Regentage empfielt sich ein Besuch im Maritime Museum in St. Helier. Sehr anschaulich wird die Entstehung von Strömungen, Wellen und Gezeiten gezeigt. Auf dem Vorplatz ist die weltgrößte dampfbetriebene Uhr zu bewundern. Das Werkl sieht aus, als wäre der turmhohe Antrieb eines Raddampfers in ein viel zu kleines Becken geraten.

DATEN & FAKTEN

Jersey & Guernsey
Die Kanalinseln - in der Bucht von St. Malo der Normandie vorgelagert - sind nicht nur ein Steuer- sondern auch ein exklusives Urlaubsparadies. Jersey & Guernsey sind aus Österreich mit Flügen von Swissair und Crossair über Zü-rich erreichbar. Abstecher per Fähre aus Frankreich (St. Malo) sind ebenfalls möglich. Bus, Rad oder Mietauto reichen als Transportmittel.

Tourismusverband:
www.jersey.com

 Autor/in: GERALD STOIBER

© SN.

 

diese seite | 09.07.2002 | 15:20

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